Norbert Brunner
Meine Arbeiten sollen dem Betrachter als mögliche Basis für die Erlangung einer erweiterten Geisteshaltung dienen. Durch sie kann das Hinterfragen von Denkinhalten aller Art angeregt werden. Nur durch ständige Analyse des eigenen Standpunktes kann gewährleistet werden, dass selbständig „erarbeitete“ Denkinhalte vertreten und nicht die Inhalte anderer ungefragt übernommen werden. Durch diesen Prozess der Relativierung alles Erfahrenen können Verständnis und Toleranz auf globalem Niveau gefördert werden.

Dieses Analysieren und Relativieren ist zunächst ein geistiger Prozess, den ich mit meinen Arbeiten visualisieren möchte, indem ich Objekte anfertige, deren Aussehen vom örtlichen Standpunkt des Betrachters zu diesen abhängt. Durch die Interaktion mit den Objekten können die Betrachter erkennen, dass nur ihr eigener Standpunkt das Aussehen der Objekte ausmacht. Diese optische Erkenntnis verwende ich als Metapher und übersetze sie in alle Bereiche unserer Existenz. Alles Gesehene, Wahrgenommene und Erfahrene, alle Kunst, Kultur oder politischen Anschauungen sind relativ und hängen ausschließlich vom Standpunkt des Betrachters ab. Im Bereich der Kunst stelle ich damit die Betrachter ins Zentrum und erkläre diese selbst zu Künstlern.

Bei der Erstellung meiner Objekte lege ich den Punkt als kleinsten gemeinsamen Nenner fest. Alles Gesehene setzt sich aus solchen Punkten, nebeneinander und übereinander, zusammen und ergibt – aus entsprechendem Winkel und Entfernung betrachtet – ein wahrnehmbares Abbild. Indem ich Punkte aus Klebefolie auf mehreren Ebenen von durchsichtigem Acrylglas räumlich hintereinander anordne, kann ich ein scheinbar räumliches Abbild darstellen. Beim Ändern des Blickpunktes des Betrachters zum Objekt löst sich dieses in Einzelteile – Tausende Punkte – auf und fügt sich erst bei Einnahme des „richtigen“ Betrachtungswinkels, meist 90 Grad, wieder zusammen.

Als Bildmaterial für meine Objekte verwende ich „angelernte“ Gegenstände oder Texte aus dem Alltag, die ob ihrer Einfachheit universell verständlich sind und ein Vokabular für eine globale, möglichst viele Menschen ansprechende Kommunikation darstellen. Diese treten über sprachliche Barrieren hinweg an die Stelle verbaler Kommunikation und schaffen – gleichberechtigt und auf dieselbe Stufe gestellt – einen gemeinsamen Boden für alle Betrachter. Im zweiten Schritt führen sie diesen vor Augen, dass ihre eigenen Wahrnehmungen und persönlichen Standpunkte ebenso relativ sind wie das von ihnen betrachtete Werk.

Norbert Brunner